Die Frau im Überlebensmodus
Viele Frauen wirken nach aussen stark, obwohl sie innerlich längst erschöpft sind. Sie stehen jeden Morgen auf, erledigen ihre Aufgaben, kümmern sich um andere und machen weiter, selbst dann, wenn ihre eigene Kraft kaum noch reicht.
Das Schwierige daran ist, der Überlebensmodus sieht selten offensichtlich aus. Viele Menschen stellen sich darunter jemanden vor, der komplett zusammenbricht. Doch oft ist es genau die Frau, die im Verborgenen vieles organisiert, Verantwortung übernimmt und für alle da ist. Nach Aussen wirkt sie stark, selbstbewusst und organisiert, aber in Wahrheit sieht niemand, dass sie innerlich kaum noch Ruhe findet.
Ruhe fühlt sich nicht mehr wirklich ruhig an. Selbst wenn endlich ein freier Moment da ist, bleibt innerlich alles angespannt. Der Körper ist müde, aber der Kopf wird nicht mehr still. Gedanken kreisen um Aufgaben, Probleme oder Dinge, die noch erledigt werden müssen. Selbst nachts findet man keine Erholung mehr, weil ihr Nervensystem dauerhaft auf Alarm steht.
Gleichzeitig spürt man sofort, wenn es anderen Menschen schlecht geht. Merkt kleine Veränderungen in der Stimmung anderer, hört zu, hilft und versucht, für alle da zu sein. Doch wenn jemand fragt, wie es einem selbst geht oder was man eigentlich braucht, weiss man selbst keine ehrliche Antwort mehr. Irgendwann verliert man den Zugang zu den eigenen Bedürfnissen, wenn man sich jahrelang nur über Verantwortung definiert hat.
Viele Frauen beginnen ausserdem, sich selbst immer kleiner zu machen. Man entschuldigt, rechtfertigt sich ständig, über finanzielle Ausgaben, erledigte und nicht erledigte Arbeiten, damit man nicht etwa noch als „faule“ Ehefrau und Mutter zuhause abgestempelt wird die rumliegt und sich aushalten lässt.. Man will niemandem zur Last fallen, keine Umstände machen und möglichst unkompliziert wirken. Mit der Zeit gewöhnen man sich daran, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse immer weiter zurückzustellen.
Nach aussen scheint oft alles unter Kontrolle zu sein. Man funktioniert im Alltag, arbeitet, organisiert und hält durch. Doch sobald man alleine ist, fällt die ganze Anspannung auf einem zurück. Dann kommt die innere Leere, Müdigkeit, Scham und die stille Verzweiflung hoch. Man weint heimlich und irgendwann fühlt man gar nichts mehr.
Viele zerbrechen nicht laut, sondern langsam und unbemerkt.
Egal wie viel man leistet, innerlich bleibt oft das Gefühl zurück, nicht genug zu sein. Nicht stark genug.
Nicht produktiv genug.
Nicht entspannt genug. Gleichzeitig fühlt man sich manchmal „zu viel“
zu sensibel
zu emotional
zu kompliziert
Dieser ständige innere Kampf raubt auf Dauer unglaublich viel Energie.
Dinge, die früher einmal Freude gemacht haben, verlieren langsam ihre Wirkung. Musik berührt nicht mehr richtig.
Sich mit anderen Menschen zu treffen, fühlt sich anstrengend an.
Selbst schöne Momente wirken oft weit entfernt. Nicht weil sie kalt geworden ist, sondern weil Menschen im Überlebensmodus emotional abstumpfen, um irgendwie weitermachen zu können.
Viele Frauen versuchen deshalb, alles unter Kontrolle zu halten. Man plant voraus, analysiert Gespräche und denkt ständig darüber nach, was passieren könnte. Kontrolle gibt einem ein Gefühl von Sicherheit. Tief im Inneren steckt oft die Angst, dass alles auseinander fällt, sobald man einmal loslässt.
Kritik trifft einem härter, als andere es verstehen könnten. Ein kleiner Kommentar oder ein distanzierter Blick beschäftigen einem oft tagelang. Lob dagegen kommt kaum wirklich an, weil tief in einem längst die Überzeugung entstanden ist, nicht gut genug zu sein.
Das eigene Leben wird oft auf später verschoben. Man sieht, wie engagiert der Partner ist, wie viel Zeit und Energie in Familie, Beruf und gemeinsame Verpflichtungen fliesst. Manchmal entsteht sogar der Eindruck, jetzt wäre auch ich einmal an der Reihe. Jetzt könnte ich meinen Bedürfnissen Raum geben, meinen Interessen nachgehen, etwas nur für mich tun.
Doch gleichzeitig ist da die Angst. Die Angst, dass die ohnehin knappe Zeit als Paar oder Familie noch weniger wird. Dass man sich auseinanderlebt, wenn jeder seinen eigenen Weg geht. Also stellt man sich selbst wieder hinten an und sagt sich: „Wenn es einmal ruhiger wird, dann kümmere ich mich um mich.“ „Wenn die Kinder grösser sind.“ „Wenn die Belastung nachlässt.“ „Wenn mehr Zeit da ist.“
Doch dieses «später» verschiebt sich immer weiter nach hinten. Erst muss noch dies erledigt werden, dann jenes. Erst sollen alle anderen versorgt sein, erst müssen alle Bedürfnisse erfüllt werden, nur nicht die eigenen.
Und irgendwann kommt der Moment, in dem man zurückblickt und erkennt, dass Jahre vergangen sind. Jahre, in denen man vor allem funktioniert hat. Jahre, in denen man sich angepasst, organisiert, getragen und gekümmert hat. So lange, dass man beinahe vergessen hat, was die eigenen Wünsche überhaupt einmal waren.
Hilfe anzunehmen fällt schwer. Für andere wäre man sofort da, doch selbst Unterstützung anzunehmen fühlt sich unangenehm an. Viele haben gelernt, dass Stärke bedeutet, alles alleine tragen zu müssen. Deshalb sagen man oft:
„Es geht schon.“
Selbst dann, wenn innerlich längst nichts mehr geht.
Und tief in einem existiert häufig nur noch dieser eine Wunsch.
Einfach einmal nicht mehr kämpfen zu müssen.
Nicht perfekt sein zu müssen. Nicht stark sein zu müssen. Nicht immer alles zusammenhalten zu müssen.
Einfach kurz ausruhen dürfen.
Vielleicht ist genau das das Traurigste am Überlebensmodus, dass viele Frauen erst merken, wie erschöpft sie wirklich sind, wenn ihre Seele längst begonnen hat aufzugeben.
Und dann stellt sich plötzlich eine Frage, die alles ins Wanken bringt:
„Was bleibt, wenn all das wegfällt?“
Wenn ich nicht mehr leisten kann. Wenn ich nicht mehr diejenige bin, die trägt, gibt, funktioniert und zusammenhält. Wenn auch die Körperlichkeit und die Fähigkeit, Bedürfnisse zu erfüllen, nicht mehr da wären.
Wäre ich dann noch wichtig? Würde man trotzdem bleiben? Würde man mich noch sehen, mich als Mensch?
Oder war mein Wert die ganze Zeit an das gebunden, was ich für andere tun konnte?
Doch der Überlebensmodus ist kein persönliches Versagen. Oft ist er einfach die Folge davon, viel zu lange alles alleine getragen zu haben.
Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort, wo man sich erlaubt, langsamer zu werden. Grenzen zu setzen. Hilfe anzunehmen. Ehrlich zu sagen:
„Ich kann gerade nicht mehr.“ Um sich so selbst wieder näher zu kommen.
Denn niemand kann auf Dauer nur funktionieren, ohne sich irgendwann selbst dabei zu verlieren.
Du musst nicht erst wie ich, komplett zusammenbrechen, um dir selbst wichtig sein zu dürfen.
Du darfst müde sein.
Du darfst langsamer werden.
Und du darfst lernen, nicht nur zu überleben, sondern wieder wirklich zu leben.
Für dich selbst.
* ist aus meiner Frauensicht geschrieben. Mir ist durchaus bewusst, dass dies auch auf gewisse Männer zutrifft.
