Depression

Die Reise zurück zu mir

 

Wenn ich einem Menschen erklären müsste, wie sich ein Leben mit einer Depression anfühlt, würde ich es so beschreiben: 

     

Die Depression kommt nicht von heute auf morgen. Es ist ein schleichender Prozess. Und dennoch, bereitet sie dich nicht auf ihre Ankunft vor. Sie kann lange im Schatten verborgen bleiben. 

Und plötzlich ist er da! Der Tag, an dem du bemerkst, dass du nur noch der stille Zuschauer deines eigenen Lebens bist, der plötzlich nicht mehr mitspielen darf. 

Du nimmst zwar mit deinem Verstand, all die Schönheit, die Freude und auch die Lebendigkeit rund um dich wahr und spürst auch, dass all das noch existiert. Doch nichts von dem, findet mehr einen Zugang zu dir. Stattdessen bleibst du getrennt und zurückgezogen, alleine mit all der Schwere, der Dunkelheit und der Angst die du selber nicht begreifst.

 

Du willst die Depression sehr lange nicht wahrhaben und überlistest dich mit deinen antrainierten Strategien, tagtäglich immer wieder von Neuem. Obwohl du eigentlich tief in deinem Herzen bereits weisst, dass die dunkle Kraft (Depression) schon lange die Macht über dich gewonnen hat. Es kommt dir vor, als würde sie nur darauf lauern, deinen nächsten guten Moment zu zerstören. 

Sie wickelt dich in tiefe Trauer ein und führt dich in diese innere schier unaushaltbare, betäubende Leere.

Die einfachsten Aufgaben, werden plötzlich zu einem Ding der Unmöglichkeit.

 

Und täglich zwingt sie dich noch mehr in den Rückzug, um den Reizen der Welt zu entfliehen. Jedes Geräusch, selbst deine Lieblingsmusik, welche dich früher aus deiner Melancholie geholt hat, wird plötzlich unerträglich und führt zur masslosen Überforderung.

Du wirst Still und träge, während in dir alles zittert Es fühlt sich an, als wärst du unter Hochspannung, die keinen Ausweg findet.

Du wendest dich immer mehr von deinem Umfeld ab, da du das Gefühl hast, überall fremd zu sein. Selbst inmitten deiner Freunde fühlst du dich, als wärst du abgeschnitten und gefangen unter dieser Käseglocke, die dich gegen deinen Willen taub und isoliert hält. 

Du siehst dich nur noch als eine Belastung für Andere. Abgeschnitten vom Puls des Lebens, verkümmerst und vereinsamst du still und unbemerkt in dir.

Du bist immer auf der Hut. Auf der Suche nach „Etwas“, was dir dein altes Leben zurück bringt. Gleichzeitig schämst du dich immer mehr, weil du eigentlich weisst, dass du von aussen betrachtet „Alles“ hast. Es ist ein Gefühl der Ohnmacht, weil du siehst was da ist, aber es nicht mehr fühlen kannst. 

Jeder Tag gleicht dem Andern obwohl die Sonne scheint und die Blumen in schönster Blüte blühen. Für dich ist ALLES nur noch grau in grau.

 

Und dennoch funktionierst du weiter, während diese inneren Stimmen auf dich einreden: 

 

„Du musst das alleine schaffen“

„Das geht schon irgendwie.“

„So schlimm ist das doch nicht.“ Du hast es ja überlebt.“

„Ich will niemandem eine Belastung sein.“

„Andern geht es viel schlimmer.“

„Reiss dich zusammen, du bist einfach nicht mehr belastbar.“

 

Es sind die alten Programme und inneren Kritiker, die dich antreiben, damit du weiter machst, selbst dann, wenn deine Energie schon lange auf dem Nullpunkt ist.

 

Jeden Tag wartest du sehnlichst darauf, dass dir etwas Gutes passiert, damit du diese Leichtigkeit und Freude von früher wieder verspüren darfst. 

Tage, Wochen verstreichen. Und plötzlich sind es Monate und Jahre. Die Abwärtsspirale nimmt keinen Halt, immer mehr Schuld, Scham und Hilflosigkeit zeichnet dein Leben. Die gut gemeinte Ratschläge deines Umfeldes sind für dich wie Schläge. Das Gefühl nicht mehr fähig zu sein, frisst dich buchstäblich auf, bis du plötzlich brichst.

 

Deine seit Jahrzehnten ach so gut funktionierenden Strategien, greifen nicht mehr. 

Plötzlich kommt alles hoch, was du tapfer, geschluckt, gehalten, verdrängt, angepasst und in übschem Selbstbetrug verpackt hast. Es ist ein Gefühl von Panik und freiem Fall, der dich unkontrolliert in die Tiefe reisst.

 

Es wird immer schwieriger zu Essen. Anfangs versuchst du noch, die Leere mit Essen zu stopfen, bis eines Tages der Moment da ist, in dem sich Essen für dich plötzlich sinnlos anfühlt.

Diffuse Schmerzen machen sich in deinem Körper breit und dein Energieverlust zwingt dich auf die Couch. Nachts ein- und durchzuschlafen, wird zu einem endlosen Kampf, da dein Verstand dich an all die dunklen Orte führt, wo du nicht sein möchtest. Er gibt keine Ruhe und spricht ununterbrochen auf dich ein, egal, wie müde dein Geist und Körper ist. Panik und Angstzustände nehmen überhand.

 

Erschöpft schläfst du irgendwann in den frühen Morgenstunden ein. Der unerträgliche Schmerz, der dein Wecker verursacht ist kaum in Worte zu fassen.

Du liegst einen Moment da. Dein Blick ist leer. Physisch bist du anwesend aber trotzdem nicht da.

In diesem leeren, erschöpften Moment bist du wütend und traurig zugleich.

Du hast nur diesen einen Wunsch, wieder einzuschlafen, statt dich der Realität zu stellen.

Einfach nur schlafen, um nichts mehr fühlen zu müssen. Einschlafen um nie wieder zu aufzuwachen.

Aber du musst!

Der Tag ist angebrochen, und du hast keine andere Wahl. Die Kinder, die Arbeit… du musst, obwohl du bereits schon mit der Auswahl deiner Kleider überfordert bist.

 

Der Gang zur Dusche wird zur Tortour. Deine Körperpflege gerät in Vergessenheit.

Du sammelst all deine Kraft, um die Stücke deiner Seele so gut es geht zusammenzuhalten.

Denn dir ist bewusst:

Wenn du so aussehen würdest, wie du dich wirklich fühlst, würden die Menschen es erkennen, wie schlecht es dir wirklich geht.“

So setzt du dir, wie bereits schon seit Monaten deine „Masken“ auf, um wenigstens die letzte Würde noch zu behalten.

Die Depression erreicht ein Level, wo du das Gefühl hast, untragbar für die ganze Welt zu sein.

 

Depression bedeutet, wirklich beschissene Karten zu bekommen und zu lernen, dieses verflixt harte Spiel so gut wie möglich zu spielen, während dich gleichzeitig das Gefühl verfolgt, immer zu verlieren.

Du hast das Gefühl, als wären alle anderen glücklicher, erfolgreicher und dir hunderte von Schritte voraus, während du kriechend versuchst mitzuhalten.

 

Depression ist auch eine Art Kunst der Täuschung:

Du lächelst, obwohl du weinen möchtest. Du reisst Witze und lachst mit Freunden, obwohl du tief in deiner Seele leer bist.

Jeder Tag bringt dir neue Schlachten, über die du nicht sprichst.

Stille Kämpfe mit dir selbst, die du nicht gewinnen kannst. 

Depression bedeutet, in einem überfüllten Raum zu stehen und zu versuchen, so glücklich zu wirken wie alle anderen.

Sie bringt dich sogar dazu, dir körperliche Krankheiten zu wünschen, nur um endlich einen sichtbaren Grund zu haben, schwach sein zu dürfen. 

 

 

An Depression stirbt niemand - Sie kann dich nur dazu bringen, dich selbst umzubringen.

 

 

Ich glaube, es geht darum, den Verlust von dir selbst zu erkennen. 

Herauszufinden, wer du wirklich bist, während du versuchst, die Teile in dir zu akzeptieren, die du nicht magst und nicht ändern kannst.

 

Mir ist bewusst geworden, dass es Phasen im Leben gibt, die dich nicht nur in die Knie zwingen, sondern dich richtig hart auf den Boden knallen lassen. Erst wenn du auf dem Boden aufprallst, spürst du im Nachhinein, dass es keinen anderen Weg gab. Du musstest erst den Boden berühren, schmerzhaft und echt, denn nur so wirst du gezwungen hinzusehen. 

Du musst wissen, im freien Fall gibt es keine Möglichkeit, aufzustehen. Aber am Boden schon. Irgendwann kommt dieser eine Moment, dieser eine klare Gedanke, der dich deine Kraft spüren lässt, dich mit den eigenen Händen wieder abzustützen und aufzustehen.*

 

Und während du aufstehst, weisst du genau, um wieder laufen zu lernen, musst du einige deiner alten Lebensmuster verändern, damit es dir nicht erneut die Energie entzieht und erneut zu Boden wirft. 

Es ist ein Prozess, und ich selbst weiss, wie schwierig es ist, eine lang gelebte Komfortzone oder alte Lebens-Muster, ob privat oder beruflich zu verändern oder gar ganz loszulassen. 

Energietechnisch scheint diese Veränderung im ersten Moment ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, auch wenn man unbewusst bereits lange weiss, dass genau das ein Hauptgrund ist, weshalb man so erschöpft ist.

 

Glaube mir, mit den ersten Schritten durch die Angst, mit jedem Aussprechen deiner Bedürfnisse und deiner Wahrheit, kommt deine Energie zurück. Stück für Stück kehrt die Lebensfreude wieder ein, und du spürst, wie du dich selbst wiederfindest.

 

Rückblickend ist meine Krise ein Geschenk. Ein Geschenk, weil sie mich gezwungen hat, hinzusehen.

 

Mich zusehen!

 

Meine Schatten, meine Ängste, aber auch meine verborgenen, wunderschönen Seiten wieder auszugraben und liebevoll anzunehmen. 

Ja, es ist Arbeit, und ja, es ist hart, sich Schicht für Schicht wiederzufinden. Aber es lohnt sich. Denn das Leben hat so viel schönes zu bieten.

 

Ich bin noch heute auf der Suche nach meinem wahren Selbst. Ich werde Tag für Tag mehr herausfinden, wer ich bin, bevor man mir gesagt hat, wer ich sein soll.

 

Ich habe lange geglaubt, dass ich stark bin, wenn ich alles alleine schaffe. Heute weiss ich: Meine wahre Stärke begann dort, wo ich mir helfen liess.

 

Es geht um die Menschen, die in uns ein Licht entzünden, selbst wenn wir glauben, keines mehr zu haben.

Um jene seltenen Seelen, die unsere stillen Kämpfe sehen, ohne dass wir ein Wort sagen müssen. Dann wird eine Umarmung, ein Nicken oder ein Lächeln, das sagt, du bist nicht allein, unbezahlbar.

 

Depressionen sind überwindbar und auch wenn es Zeit braucht, wächst deine Stärke mit jedem Tag, an dem du nicht aufgibst.

 

 

Danke fürs lesen.

Möge ein Funke des Verstehens dich Berühren für all jene, 

deren Kampf oft unsichtbar bleibt.

 

     

 

*nebst externer Hilfe und Medikation





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